Projekt OPTIPPAR II: Optimierung pflegerischer Patientenkontakte II

Optimierung pflegerischer Patientenkontakte in der medizinischen Rehabilitation: Entwicklung und Evaluation eines berufsbegleitenden Trainings kommunikativer Fertigkeiten für Pflegende

Förderung
Verein zur Förderung der Rehabilitationsforschung Norderney e.V.

Projektteam
IfR Bad Rothenfelde: Susanne Dibbelt, Edith Wulfert, Martin Dahm

Laufzeit
01.01.2011 bis 30.06.2014

Kooperierende Einrichtungen
Hochschule Osnabrück, Prof. Dr. Elke Hotze; Klinikzentrum Mühlengrund, Bad Wildungen; Brandenburgklinik, Bernau bei Berlin; Klinik Am Kurpark, Bad Kissingen; Kurpark-Klinik, Bad Nauheim; Klinik Münsterland, Bad Rothenfelde; Klinik Teutoburger Wald, Bad Rothenfelde; Salzetalklinik, Bad Salzuflen

Kurzbeschreibung
Ziel des Projektes OPTIPPAR II war es, die Effekte eines Kommunikationstrainings für Pflegende zu evaluieren und den Einfluss der Qualität der pflegerischen Aufnahmegespräche hinsichtlich kurz- und langfristiger Effekte auf die Gesundheitskompetenz und den Gesundheitsstatus von Rehabilitanden in 6 Reha-Einrichtungen zu überprüfen.

Projektbeschreibung
Der Pflege wird in Zeiten knapper werdender Ressourcen eine Schlüsselfunktion in der medizinischen Rehabilitation zugewiesen. Kommunikative Aufgaben (wie Information, Schulung oder Beratung) nehmen dabei eine zentrale Stelle ein (Caris-Verhallen et al., 1997; Hotze, 1997). Für den Einsatz im Akutkrankenhaus ausgebildet, sind Pflegende für die rehabilitationsspezifischen Kommunikationsaufgaben jedoch nur ungenügend qualifiziert (Hotze, 1997; Hotze & Winter, 2000; Hotze, 2010).

Die kommunikativen Aufgaben von Pflegenden in der Rehabilitation sind zahlreich und anspruchsvoll. Dem steht gegenüber, dass ein praktisches Kommunikationstraining nicht Gegenstand der Pflegeausbildung und nur vereinzelt, wenn auch heute vermehrt, der Gegenstand beruflicher Weiterbildungen ist.

Ziel des Projektes OPTIPPAR II war es, (1) die von Patienten mittels eines Fragebogens bewertete Qualität der Interaktion mit der Pflegekraft bei Aufnahme zu erfassen und (2) die Hypothese zu überprüfen, dass es eine positive Beziehung zwischen der (von Patienten wahrgenommenen) Interaktionsqualität in den Pflege-Patienten-Kontakten und langfristigen Behandlungsergebnissen gibt. (3) Zum Dritten sollte überprüft werden, ob ein zweitägiges Interaktionstraining der Pflegenden geeignet ist, die Interaktionsqualität zwischen Pflegenden und Patienten zu verbessern.
Methode und Durchführung

Das Training für Pflegende wurde auf der Grundlage der Ergebnisse und im ersten Projektabschnitt (OPTIPPAR I) ermittelten Bedarfe entwickelt und durchgeführt. Im Zentrum des Trainings standen die Optimierung des pflegerischen Aufnahmegespräches sowie das Management schwieriger Interaktionen mit Patienten.

Das Training wurde mittels eines sequentiellen Prä-Post-Designs evaluiert. Die primäre Hauptzielgröße der Evaluation war die Bewertung der pflegerischen Aufnahmegespräche durch die Patienten und die Pflegenden. Diese wurden vor und nach dem Training erhoben. Dazu wurde ein Gesprächsbewertungsbogen in zwei Versionen für Pflegende und Patienten entwickelt. Außerdem wurde der Reha-Status der Patienten vor Reha, vor Entlassung und 6 Monate nach Entlassung erhoben, um die kurz- und langfristigen Gesundheitsverbesserungen der Patienten infolge der Rehabilitationsmaßnahme zu erheben und diese mit der Interaktionsqualität in Beziehung zu setzen.

Fragestellungen

Fragestellung 1:
Es wurde geprüft, ob sich die Gesprächsbewertungen von Pflegenden und Rehabilitanden systematisch unterscheiden, und wenn ja, hinsichtlich welcher Aspekte. Hierzu wurden keine Hypothesen formuliert.
Fragestellung 2:
Es sollte die Hypothese überprüft werden, dass die Bewertungen der gemeinsamen Aufnahmegespräche durch Pflegende und Patienten nach einem Kommunikationstraining besser ausfallen als die Bewertungen der Gespräche vor dem Training.
Fragestellung 3:
Weiterhin sollte die Hypothese überprüft werden, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen den (positiven) Bewertungen der gemeinsamen Aufnahmegespräche durch Patienten einerseits und den kurz- und langfristigen Gesundheitsergebnissen andererseits gibt. Als Gesundheitsergebnisse werden entsprechend dem biopsychosozialen Modell sowohl Verbesserungen somatischer und psychischer Symptome (wie zum Beispiel Schmerzen und Depressivität) als auch der Funktion und Teilhabe (zum Beispiel am Arbeitsleben) angesehen. Die Gesundheitsergebnisse wurden mit zahlreichen Skalen, vor allem aus dem IRES 3 (Indikatoren des Reha-Status; Bührlen et al., 2005) erfasst.

Methodisches Vorgehen
Die Interaktionsqualität wurde mittels eines neu entwickelten Fragebogens (Gesprächsbewertungsbogen - GBB) erhoben. Mit dem GBB bewerteten Pflegende und Patienten in sechs Rehakliniken die affektive, instrumentelle und partizipative Qualität der gemeinsamen Gespräche bei Aufnahme jeweils vor und nach der Durchführung eines Interaktionstrainings. Die Patienten beantworteten außerdem Fragen zum Gesundheitsstatus aus dem IRES 3 bei Aufnahme, Entlassung und sechs Monate nach Entlassung sowie Fragen zur beruflichen Situation und zu präferierten Kommunikationsstilen. Das Interaktionstraining umfasste zwei Tage und fand in der jeweiligen Einrichtung statt. Die Effekte des Trainings wurden mittels eines sequentiellen Kontrollgruppendesigns überprüft. Insgesamt gingen 637 Datensätzeaus der Phase vor dem Kommunikationstraining und 428 Datensätze aus der Phase nach dem Trainingin die Auswertung ein.Die Bewertungen der Gespräche durch Pflegende und Patienten vor und nach dem Training wurden mittels t-Test auf systematische Unterschiede geprüft.

Ergebnisse

Fragestellung 1:
Ein Vergleich der Gesprächsbewertungen durch Pflegende und Rehabilitanden ergab, dass Pflegende vor allem Störfaktoren als stärker ausgeprägt bewerten als die Patienten. Insgesamt lagen die Bewertungen beider Gruppen auf einem sehr hohen positiven Niveau, so dass Deckeneffekte vermutet werden können.
Fragestellung 2:
Die Bewertungen der gemeinsamen Aufnahmegespräche durch Pflegende und Patienten vor und nach dem Kommunikationstraining unterschieden sich nicht signifikant. Tendenziell fielen die Bewertungen der Pflegenden nach dem Training geringfügig besser aus als vor dem Training, während die Bewertungen der Patienten nach dem Training etwas schlechter wurden. Jedoch konnten diese geringfügigen Unterschiede statistisch nicht abgesichert werden.
Fragestellung 3:
Direkte positive Zusammenhänge (Korrelationen) zwischen den Bewertungen der Aufnahmegespräche durch Patienten und den kurz- und langfristigen Gesundheitsergebnissen (Differenzen der Gesundheitsmaße zwischen t1 (vor Reha) und t2 (vor Entlassung) bzw. t3 (sechs Monate nach Entlassung)) fanden sich nicht: Die Pearson-Korrelationen waren bis auf eine Ausnahme nicht größer als r= 0.10. Jedoch zeigten Vergleiche zweier Patientengruppen, die durch Mediansplit eines Indexes für Gesprächsförderer (aus Items des Gesprächsbewertungsbogens gebildet) gewonnen wurden, dass die Patientengruppe, deren Gesprächsbewertungen im Mittel über dem Median lagen, überlegene Reha-Ergebnisse hinsichtlich der Schmerzhäufigkeit, der Krankheitsbewältigung (Coping), der Selbsteinschätzung der Gesundheit sowie der Handlungsorientierung (nach Misserfolg) und sechs Monate nach Entlassung auch überlegene Reha-Ergebnisse hinsichtlich der Mobilität aufwies. Damit scheint sich ein Einfluss der Gesprächsqualität des Aufnahmegespräches in der Pflege auf die Reha-Ergebnisse zu manifestieren.

Zusammenfassung und Diskussion

Hinsichtlich der Hauptfragestellung – Effekte des Kommunikationstrainings – konnten die Hypothesen nicht bestätigt werden: Die Gesprächsbewertungen durch Pflegende und Rehabilitanden unterschieden sich vor und nach Training nicht. Insgesamt lagen die Bewertungen beider Gruppen auf einem sehr hohen positiven Niveau, so dass kaum noch Verbesserungspotential bestand. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass die Gesprächsbewertung, das heißt (a) die Selbstbewertung der Pflegenden und (b) das Wissen darum, dass das Gespräch durch die Patienten bewertet wird, bereits zu einer Verbesserung des kommunikativen Verhaltens der Pflegenden geführt hat. Dieser (Checklisten-) Effekt könnte mögliche Trainingseffekte überlagert haben. Hauptfragestellung stellte mit 2 Tagen eine eher kleine „Trainingsdosis“ dar, die möglicherweise nicht zu nachhaltigen langfristigen Verhaltensänderungen führen konnte.

Deutlich wurde der Zusammenhang zwischen den Bewertungen der Aufnahmegespräche durch Patienten und den kurz- und langfristigen Gesundheitsergebnissen (Differenzen der Gesundheitsmaße) zwischen t1 (vor Reha) und t2 (vor Entlassung) bzw. t3 (sechs Monate nach Entlassung): Patienten, deren Gesprächsbewertungen im Mittel über dem Median lagen, wiesen bei Entlassung überlegene Reha-Ergebnisse hinsichtlich der Schmerzhäufigkeit, der Krankheitsbewältigung (Coping), der Selbsteinschätzung der Gesundheit sowie der Handlungsorientierung (nach Misserfolg) und sechs Monate nach Entlassung auch überlegene Reha-Ergebnisse hinsichtlich der Mobilität auf. Ein Vergleich der Gesprächsbewertungen durch Pflegende und Rehabilitanden ergab, dass Pflegende vor allem Störfaktoren als stärker ausgeprägt bewerten als die Patienten.

Aus diesen Ergebnissen kann das Fazit gezogen werden, dass sich Pflegende der Qualität, aber auch des Einflusses ihrer Kommunikation mit Patienten stärker bewusst sein sollten.

Publikationen und Vorträge zum Projekt

Postin D, Dibbelt S, Wulfert E, Greitemann B (2016). Behandler-Patient-Kommunikation und Gesundheitskompetenz: Sind sie Prädiktoren der (Reduktion der) Schmerzhäufigkeit als Ergebnis der stationären Rehabilitation? Vortrag auf dem 25. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium - Deutscher Kongress für Rehabilitationsforschung: „Gesundheitssystem im Wandel - Perspektiven der Rehabilitation“ 29.02.-02.03.2016 in Aachen. DRV-Schriften, 109, 216-218.

Dibbelt S., Wulfert E., Greitemann B. (2015). Optimierung der pflegerischen Patientenkontakte: Effekte eines Kommunikationstrainings für Pflegende in der Rehabilitation. Vortrag auf dem 24. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium – Deutscher Kongress für Rehabilitationsforschung: „Psychische Störungen – Herausforderungen für Prävention und Rehabilitation“ 16.-18.03.2015 in Augsburg. DRV Schriften, 107, 195-196.

Dibbelt S, Wulfert E, Hotze E, Greitemann B (2014). Qualität der Kommunikation in der Reha-Pflege: Übereinstimmungen und Unterschiede in der Beurteilung gemeinsamer Aufnahmegespräche von Pflegenden und Rehabilitanden. Ergebnisse aus dem Projekt OptiPPar. Poster auf dem 13. Kongress für Versorgungsforschung in Düsseldorf, 25.6.- 27.6. 2014.

Dibbelt S., Wulfert E., Hotze E., Greitemann B. (2013). Die Interaktion zwischen Pflegenden und Rehabilitanden: Wie beurteilen Patienten und Pflegende ihre gemeinsamen Aufnahmegespräche? Ergebnisse aus dem Projekt Optippar II. Vortrag auf dem 22. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium: „Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?“ 04.-06.03.2013 in Mainz. DRV Schriften, 101, 210-211.

Dibbelt S, Wulfert E, Hotze E, Greitemann B (2012). Patient nurse communication in rehabilitation: How do patients and nurses evaluate their shared interaction? Vortrag auf der International Conference der European Association for Communication in Healthcare (EACH) 4.-7.September 2012, St. Andrews University, Scotland, UK.
Weitere Informationen:

Projekt OPTIPPAR II - Abschlussbericht (pdf)